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Virtuelle Lesung "Der Glücksbringer" 

Am 13. November 2020 fand im Rahmen der Schweizer Erzählnacht eine virtuelle Lesung aus meiner Geschichte "Der Glücksbringer" statt. Danach gab es die Gelegenheit, sich zum Thema "Glück" auf der Facebook-Seite auszutauschen oder Kommentare via Mail zu hinterlassen. Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen!

Für die Lesung klicken Sie auf das untenstehende Video. Viel Vergnügen!

Frühlingsduft im Lockdown

Als Christine Wyss aus dem Reihenhaus ihrer Eltern auf die Strasse tritt, bewundert sie wie immer die Gärten der Nachbarn und die leicht duftenden Lieblingsrosen. Ein Weg, den sie schon oft gegangen ist. Doch heute ist alles anders. Es fehlen die spielenden Kinder und die Leute, die nach der Arbeit auf einen Schwatz stehen bleiben. Alles ist still. Nur die Glocken der Friedenskirche tönen laut. Vier Glockenschläge lang. Die Worte ihrer Mutter gehen ihr nicht aus dem Kopf. Lass los, Christine.


Sie hat alles perfekt geplant, um sich einen langgehüteten Wunsch zu erfüllen. Mit einem Pop- up Store in der Innenstadt. Sie hat den Mietvertrag geregelt und die Bewilligungen eingeholt. Ihre Freundin Sarah hat sich bereit erklärt, mit ihrer schwungvollen Schrift kleine Holztafeln zu beschriften. Für die Einweihungsfeier haben beide nochmals alles gegeben. Sarah hat Servietten mit Blumennamen verziert und Christine so viele Sträusse gebunden, dass ihr am Abend die Hände wehgetan haben. Und dann der Willkommenskranz! Ihr Schritt wird schneller. Über die fast leere Holzbrücke kommt sie auf die andere Seite der Stadt, und bleibt bei einem unscheinbaren Eingang mit rosa gestrichenen Holzbalken stehen. Ein weisser Wagen mit Blumentöpfen deutet darauf hin, dass sich hinter der etwas schiefen Türe ein Laden mit Blumen und Geschenken verbirgt. Wie lange noch? Christine denkt an die Worte ihrer Mutter. „Herzlich Willkommen“ steht über einem prächtigen Kranz aus Efeu mit getrockneten Blumen und rosafarbenen Perlen. Alle Blumenläden bleiben geschlossen. Der Kranz wird niemanden mehr begrüssen. Er ist der einzige Zeuge aus einer anderen Zeit, die nur wenige Tage her ist. Die Schweiz steht still.

Als Christine in den Laden tritt, erwartet sie ein Frühlingsduft, der von Freesien und anderen Schnittblumen herrührt. Auch die kugeligen, dichten Ranunkeln machen sich gut. Christine lässt den Blick schweifen. Mitten im Raum steht ein Ständer mit Sprüchekärtchen, guten Wünschen für schwierige Zeiten. Zwei zierliche Stühle stehen um einen runden Tisch, auf welchem ein Kästchen mit Schubladen ist. Die Griffe zeigen je ein anderes florales Muster, farbig durchmischt präsentiert. In den Schubladen stecken kleine Geschenkideen, Seifen aus Marseille und Bänder mit Schmetterlingen. Schubladen, die niemand öffnen wird. Wie werden sie die Krise überstehen?

Christines Kopf ist leer. Mit der Gartenschere zerpflückt sie einzelne Blätter, die bald nicht mehr ganz frisch sind. Die Tulpen werden als erstes verblühen. Die Miete werden sie trotzdem zahlen müssen. Tapfer lächelt sie die Tränen weg. Ein ungutes Gefühl bleibt. Niemand weiss, wie es kommt.

Ursula Sommer- Kropf, Olten 2020